Das Büro als Bewegungsraum

Grundlagen für eine aktivierende Architektur

Unternehmen stehen vor der Herausforderung, den immer rasanteren Informationsaustausch global wie lokal für alle Beteiligten gewinnbringend zu gestalten. Doch so wichtig Effizienz und Motivation bei der Wissensarbeit sind – eines der dringendsten Probleme wird häufig übersehen: der Bewegungsmangel bei der Büroarbeit, der immer mehr Menschen immer häufiger krank macht. Arbeitgeber reagieren darauf oftmals mit Sportprogrammen, Rückenschulen oder Gesundheitstagen. Naheliegender erscheint es jedoch, Bewegung wieder dorthin zurück zu bringen, wo sie systematisch reduziert wurde, also in den Gebäuden selbst. Dafür bedarf es eines Paradigmenwechsels auch bei den Planungsgrundlagen. Denn während jahrzehntelang alles möglichst bequem und verdichtet sein sollte, ist jetzt körperliche Aktivität gefragt.

Natürlich macht es Sinn, mit der Bewegungsförderung dort zu beginnen, wo heute der größte Bewegungsmangel herrscht: beim Sitzen am Schreibtisch. Deshalb hatte sich Wilkhahn im Rahmen der Entwicklung des dreidimensionalen Sitzkonzepts Trimension® intensiv mit aktuellen Studien und Forderungen der Gesundheitsforschung beschäftigt. In Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Gesundheit an der Deutschen Sporthochschule Köln wurden die neuesten Erkenntnisse beim ON®, dem ersten Bürostuhl mit Trimension, umgesetzt. Das erforderliche Plus an Bewegung hört jedoch nicht beim passenden Bürostuhl auf. Weitere Ansätze liefert das Konzept des „Activity Based Workplace“, das nicht nur die geistige Flexibilität fördert, sondern auch die physische Beweglichkeit unterstützt. Zum Beispiel durch die Verwandlung von Sitzungen in „Stehungen“ oder durch dynamische Einrichtungslösungen für Workshops, in denen die Nutzer ihr Arbeitssetting selbst zusammenzustellen. 

Neben der Organisation und Einrichtung ist zudem ein Umdenken bei der Gebäudeplanung gefordert. Diese folgt bis heute den Gesetzen einer Flächeneffizienz, die oft auf die Produktivitätsidee des Taylorismus beschränkt ist. Treppenhäuser, Erschließungszonen und Sondernutzungsflächen gelten demnach als ineffiziente Geldverschwendung. Dabei sind Architekturkonzepte, die Begegnung und Bewegung in den Mittelpunkt stellen, nicht nur «nice-to have», sondern volks- und betriebswirtschaftlich zukunftsentscheidend. In modernen Gebäuden stehen nicht mehr Aufzüge und schmale Flure, sondern attraktive Wegeführungen, Plätze, Treppen und Brücken im Zentrum. Sie fördern Vernetzung und Gemeinschaftsbildung sowie gleichzeitig Gesunderhaltung, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit. 

Ansätze für eine körpergerechte Büroarchitektur in Zeiten der New Work Order

Keine Frage, unsere Arbeitswelt befindet sich im Wandel: Geht es doch um nicht weniger als eine „New Work Order“, die Antworten auf die technologischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Veränderungen geben soll. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, den immer rasanteren Informationsaustausch global wie lokal für alle Beteiligten gewinnbringend zu gestalten. Doch so wichtig Effizienz und Motivation bei der Organisation der Wissensarbeit ist – eines der dringendsten Probleme wird häufig übersehen: Der Bewegungsmangel bei der Büroarbeit, der immer mehr Menschen immer häufiger krank macht. Unternehmen reagieren darauf mit Sportprogrammen, Rückenschulen oder Gesundheitstagen. Naheliegender erscheint es jedoch, Bewegung dort zu fördern, wo die meiste Zeit verbracht wird, also im Büro selbst. Dafür bedarf es eines Paradigmenwechsels. Denn während jahrzehntelang alles möglichst bequem sein sollte, ist jetzt körperliche Aktivität gefragt – gefördert durch die Arbeitsumgebung und entsprechende Möbel, aber auch durch die Architektur der Gebäude selbst. 

Ein typischer Bürotag: Mit dem Auto geht es zur Arbeit und direkt in die Tiefgarage, von dort in den Aufzug und dann schnurstracks zum Büro. Am Arbeitsplatz ist alles in Griffnähe angeordnet und die körperlichen Aktivitäten begrenzen sich auf die Bedienung von Telefon, Tastatur und Maus. Das Meeting und die Mittagspause werden auch „ausgesessen“, um dann am Abend wieder mit dem Auto nach Hause zu fahren. So entsteht ein dramatischer Bewegungsmangel, der langfristig krank machen kann. Das Zentrum für Gesundheit in Köln schätzt allein die Behandlungskosten für Rückenschmerzen in Deutschland auf 25 Milliarden Euro jährlich. Die Zahlen zeugen von den enormen Potenzialen einer gesundheitsfördernden Bürogestaltung. Demografischer Wandel, alternde Belegschaften und Fachkräftemangel tragen ein Übriges dazu bei, den Leidensdruck zu erhöhen. Die Kernfrage lautet also: Wie müssen Arbeitsplätze und -abläufe im Rahmen der „New Work Order“ gestaltet sein, damit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter langfristig motiviert, gesund und leistungsfähig bleiben?

Lösungsansatz eins: natürlich bewegen beim Sitzen

Um der körperlichen Unterforderung bei der Schreibtischarbeit entgegenzuwirken, sind Konzepte gefordert, die zu einer vielfältigen und natürlichen Beweglichkeit beim Sitzen animieren. Diese Sichtweise führte zur Entwicklung der Bewegungsmechanik Trimension® durch den Büromöbelhersteller Wilkhahn. Der entscheidende Ansatzpunkt für die neue Beweglichkeit ist hier der Sitz. Denn die dreidimensionale Beweglichkeit der Hüftgelenke ist wichtig, um die Elastizität der Wirbelsäule, die Schultergelenke sowie die Rücken-, Nacken- und Halsmuskulatur aber auch die Kniegelenke und Beinmuskulatur zu stimulieren. Dabei geht es nicht nur um Vorwärts-, Rückwärts- und Seitwärtsbewegungen, sondern um deren Kombination als Rotation. Das große Bewegungsspektrum verdankt dieser Bürostuhl zwei wie Oberschenkel unabhängig voneinander beweglichen Schwenkarmen, die über eine Drehachse verbunden sind. Durch die körpernahen Positionen der Drehpunkte analog den Knie- und Hüftgelenken werden ganz selbstverständlich natürliche, synchron gestützte Bewegungsabläufe ermöglicht. Der Schwerpunkt bleibt dabei in jeder Position zwischen den Drehpunkten und damit im Gleichgewicht.

Dass kleine, vielfältige und häufig ausgeführte Bewegungen einen großen gesundheitlichen Zugewinn bieten, gilt in der Forschung als erwiesen. Deshalb bedeutet dreidimensionales Bewegungssitzen am Schreibtisch einen objektiv großen Fortschritt gegenüber konventionellen Bürostühlen. Das bestätigt auch eine Studie der Deutschen Sporthochschule Köln, die mit 80 Probanden bei einem Versicherungsunternehmen unter realen Arbeitsbedingungen durchgeführt wurde. Im Ergebnis hat sich die Performance der Probanden mit Wilkhahn-Bürostühlen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe auf konventionellen Stühlen in allen Disziplinen deutlich verbessert. Die Konzentrationsleistung (wie schnell wurde das richtige Ergebnis erzielt) hatte sich nach drei Monaten mehr als verdoppelt, die Konzentrationsgenauigkeit (wie häufig wurde das richtige Ergebnis erzielt) verbesserte sich um 48 Prozent und die Konzentrationshomogenität (wie gut wurde über den Testverlauf die Leistung gehalten) legte um 95 Prozent zu. Auch das Gesundheitsempfinden der Teilnehmer zeigt eine klare Tendenz: 87 Prozent waren überzeugt, dass sich ihr Wohlbefinden eher verbessert hatte. 

Lösungsansatz zwei: Flexible Möblierung für flexible Arbeitsumgebungen

Eine höhere Leistungsfähigkeit durch ein Plus an Bewegung lässt sich nicht nur mit dem passenden Bürostuhl, sondern auch durch eine intelligente Einrichtungsplanung erreichen. Interessante Ansätze liefert hier das Konzept des „Activity Based Workplace“. Im Mittelpunkt steht dabei nicht mehr der feste Arbeitsplatz, sondern ein Angebot an Arbeitsumgebungen, die unterschiedliche Aufgaben und Tätigkeiten optimal unterstützen. Das Spektrum reicht von der ruhigen Denkerzelle über vernetzte Teamarbeitsräume bis zu Entspannungs- und Erholungszonen. Was hier organisatorisch in Bewegung gebracht wird, um die geistige Flexibilität zu fördern, bietet die Chance, auch die physische Beweglichkeit zu unterstützen. Zum Beispiel durch frei bewegliche, einbeinige Stehhilfen, die als Ergänzung am Arbeitsplatz oder im Meeting intuitive Gymnastik mit Entlastung verbinden. Aber auch die Verwandlung von Sitzungen in „Stehungen“ führt zu deutlich mehr Beteiligung und damit Effizienz. Noch weiter gehen Konzepte, in denen die Nutzer gefordert sind, ihr Arbeitssetting selbst zusammenzustellen. Dynamische Einrichtungen für Workshop, Schulung oder Projektsitzung fördern die mentale Beteiligung und zudem die physische Beweglichkeit. Die Einrichtung aus klappbaren und mobilen Tischen und stapelbaren Stühlen ist vergleichbar einem Werkzeugkasten aus dem sich die Teilnehmer bedienen. 

Doch ein Umdenken ist nicht nur bei der Einrichtung gefordert. Auch die Architekturgrundlagen folgen bis heute den Gesetzen einer vordergründig verstandenen Flächeneffizienz in Verbindung mit der Produktivitätsidee des Taylorismus. Treppenhäuser, Erschließungszonen und Sondernutzungsflächen gelten als ineffiziente Geldverschwendung – obwohl gerade diese zur Bewegung und Begegnung animieren.

Lösungsansatz drei: Büroräume als Bewegungsräume gestalten

Wie eng die Bewegungsförderung mit der gesamten Gebäudestruktur zusammenhängt, zeigen die wegweisenden Bauten des dänischen Architekturbüros 3XN. So beispielsweise das Oerestad Gymnasium in Kopenhagen. In dieser Schule gibt es weder Flure, noch echte Klassenzimmer. Im Zentrum des Gebäudes steht eine spiralförmige Holztreppe, die verschiedene, gegeneinander verdreht angeordnete, u-förmige Ebenen miteinander verknüpft. Die Dächer der wenigen abgeschlossenen, zylinderförmigen Räume werden mit Sitzsäcken als Kommunikationsinseln genutzt. Im Erd- bzw. im Untergeschoss sind die gemeinschaftlichen Bereiche der Schule untergebracht, während die oberen Geschosse den Lernzonen und Unterrichtsräumen vorbehalten sind. Der entstandene Reichtum an unterschiedlichen Räumen, Öffnungen, Passagen, Plateaus und Nischen fördert die Offenheit, Transparenz und Eigenverantwortlichkeit – und nicht zuletzt die Bewegungsvielfalt der Nutzer.

Auch beim Neubau zweier Firmensitze im niederländischen Hoofddorp durch das Architekturbüro OeverZaaijer diente die Förderung persönlicher Begegnungen und damit auch die Bewegungsförderung als Leitfaden der Entwurfsplanung. Die Umsetzung erfolgte hier in zwei gestalterisch eng verwandten Pavillons, die von einem gemeinsamen Sockel getragen werden. Herzstück des Innenraumkonzeptes bilden die Atrien in den jeweiligen Pavillons. Hierhin orientieren sich die Gemeinschaftsräume. Zusätzliche Treppen durch den Luftraum schaffen wortwörtliche Querverbindungen. Auch die außenliegenden Büros öffnen sich dem Kommunikationsraum durch transparente Glastrennwände. Im Gebäudesockel finden sich hingegen Restaurants, ein Barbereich und weitere variabel nutzbare Gemeinschaftsräume, die sich durch Schiebewände anpassen lassen.

Die Beispiele zeigen: Es gibt sie bereits, die Kultur der dynamischen Vernetzung, die Wissen über Abteilungs-, Unternehmens- und sogar Arbeitskontexte hinweg verknüpft – und die geistige mit physischer Beweglichkeit kombiniert. Wenn die „New Work Order“ diesem wichtigen Zusammenhang in den Vordergrund stellt, kann der moderne Wissensarbeiter der Zukunft im wahrsten Sinne des Wortes entspannt begegnen.

Wilkhahn hat nun seine Ergebnisse aus zehn Jahren Forschungs- und Entwicklungsarbeit in einer 16-seitigen Broschüre «Office for Motion» veröffentlicht. Die Publikation bietet eine Zusammenfassung der biologischen Grundlagen, aktueller Studienergebnisse und neuer Organisations- und Officekonzepte.